April 2017

Neue Nachbarn

Das JES sucht Wohnungen für seine FreundInnen aus Syrien

22.12.2016

Vor etwas mehr als einem Jahr waren viele JES-MitarbeiterInnen plötzlich auch Deutsch-LehrerInnen für eine Gruppe von rund 25 syrischen Männern, Frauen und Kindern aus einer benachbarten Flüchtlingsunterkunft.

Aus der spontanen ehrenamtlichen Hilfestellung sind über mehrere Feiern, Workshops, Mitarbeit beim Festival und mehr und mehr private Treffen Freundschaften geworden. Einige unserer neuen MitbürgerInnen haben wir so sehr ins Herz geschlossen, dass wir sie auch weiterhin begleiten: beispielsweise bei Ihrem Weg zu Behörden oder auch bei der (schier aussichtslosen) Wohnungs-suche. Die ist umso dringender als die alte Unterkunft mittlerweile geschlossen und die BewohnerInnen in die Peripherie von Stuttgart verlegt worden sind, in kleinere, hellhörige Systembauten mit gemeinschaftlich zu nutzenden Sanitäreinrichtungen.

Deshalb unsere große Bitte: Wo immer Ihr/Sie etwas hört/hören  von freien Zimmern oder Wohnungen, würden wir uns über einen Tipp freuen.

Wir suchen zur Zeit noch:

- Einzelne WG-Zimmer (bis 435 € kalt)

- 1-Zimmer-Wohnungen (bis 435 € kalt)

- WG-taugliche 2-Zimmer-Wohnungen (bis 545 € kalt)

- Eine 2- bis 3-Zimmer-Wohnung für eine allein erziehende Mutter mit zwei Kindern (bis 645 € kalt)

- Eine 4-Zimmer-Wohnung für eine fünfköpfige Familie aus Aleppo (bis 900 € kalt)

Alle in Frage kommenden Wohnungssuchenden sind als Flüchtlinge bzw. Schutzsuchende anerkannt, deshalb würde das Job-Center die Miete übernehmen.

 

Hinweise bitte an: info@jes-stuttgart.de, Tel. 0711 / 218 480-0

 

Wie reagiert das JES auf die gesellschaftlichen Herausforderungen?

Die Welt ist eine andere geworden. Nicht über Nacht, aber über den Sommer. Natürlich stimmt das nur bedingt. Alles, was jetzt passiert, hätte man voraussehen können. Aber das Schicksal der Flüchtlinge aus Afrika und vor allem dem Nahen Osten ist uns in Deutschland um ein Vielfaches näher gerückt, weil diese Menschen nicht mehr nur im Mittelmeer oder in großen Flüchtlingslagern in Jordanien um ihre Zukunft kämpfen, sondern bei uns vor der Haustür. Eine solche Menge neu zuziehender Menschen ist eine immense Herausforderung. Für die Hilfsorganisationen, für die Gesellschaft, letztlich aber auch für die Theater, die für sich in Anspruch nehmen, auf Lebensrealitäten ihres Publikums reagieren und dazu Utopien entwickeln zu wollen. Zu diesem Publikum gehören im Falle des JES alle jungen Menschen, die im Großraum Stuttgart leben, ganz gleich wann sie, ihre Eltern oder Großeltern hierhergekommen sind und wie gut sie Deutsch sprechen. Und auch die Besucher unseres Hauses, die schon länger in Stuttgart sind, haben ein Umfeld vor Augen, das sich verändert. Müsste dann auch das JES ein anderes werden, andere Kunst machen, andere Themen in den Vordergrund stellen? Also stand auch das JES-Ensemble nach der Sommerpause vor der Frage, wie es reagieren sollte. Und zwar gleich auf zwei Ebenen: einerseits rein praktisch in der Begegnung von Neu- und Alt-Stuttgartern, andererseits künstlerisch in unseren Inszenierungen.

SPRACH-TRAINING UND WORKSHOP
Was die praktische Hilfe anging, hat die neue JES-Theaterpädagogin Tanja Frank ihren neuen Kolleginnen und Kollegen nicht viel Zeit zum Nachdenken gelassen: Sie ließ sich kurzentschlossen mitnehmen zu einer neuen Unterkunft in der JES-Nachbarschaft und fand sich dort umgehend als Deutsch-Lehrerin wieder. Um mehr Ruhe zum Unterrichten zu haben, lud sie knapp 20 interessierte Syrer wenige Tage später ins JES ein. Daraus hat sich im Unteren Foyer mittlerweile ein Sprach- und zunehmend auch Konversationskurs entwickelt: drei Mal die Woche, jeweils von zwei JES Mitarbeitern aus allen Abteilungen angeleitet. Wenn’s passt auch schon mal mit angehängtem Theaterbesuch wie beim Tanzstück „Kein Plan“ oder dem Gastspiel „König Hamed und das furchtlose Mädchen“, das teilweise in arabischer Sprache aufgeführt wurde. Schon zum Spielzeiteröffnungsfest im JES Anfang Oktober lud Tanja Frank einige Familien aus der Unterkunft ins JES ein. Und in den Herbstferien leitete sie gemeinsam mit Schauspielerin Franziska Schmitz, unterstützt von einem vierköpfigen Helferteam, einen Workshop für 10 deutsche und 14 syrische Kinder im Grundschulalter. Die Kinder sollten gemeinsam spielen, auch ohne die Sprache des anderen zu kennen, Vertrauen fassen und schließlich sogar ein kleines Stück auf die Studio-Bühne bringen – und dabei wie nebenbei auch die Eltern als gemeinsames Publikum zusammenführen. Ein Konzept, das so viel ausgelöst und freigesetzt hat an ebenso herzlichen wie ungezwungenen Begegnungen, dass das JES diese Art von Workshop weiterführen wird.

DENK- UND FREIRÄUME SCHAFFEN
Soweit der praktische, der theaterpädagogische Teil. Blieb noch die Frage nach einer künstlerischen Reaktion. Worin wir uns am JES einig waren: keine Flüchtlingsgeschichte aus der Gegenwart auf die Bühne stellen zu wollen. Unsere Aufgabe als Theater verstehen wir eher in assoziativen Umsetzungen, in der Chance, Denk- und Freiräume zu schaffen, um noch einmal anders aktuelle Themen zu beleuchten. Die schon seit zwei Jahren geplante Stück-Entwicklung „The Emigrants“ wird im Mai ohnehin Bezug nehmen zum Thema Auswanderung und Einwanderung: Regisseur Kjell Moberg recherchiert gemeinsam mit einem achtköpfigen JES-Ensemble über die Geschichte deutscher, besonders schwäbischer Auswanderer im 19. Jahrhundert. In der theatralen Umsetzung des Materials wird er wie in all seinen Inszenierungen sicher wieder viel Assoziationsfreiraum lassen, um Verbindungen herzustellen zwischen Historie und Gegenwart.

EIN STÜCK FÜR ALLE, DIE IN STUTTGART LEBEN
Zuvor wird Intendantin Brigitte Dethier ein Stück für die älteren Kita-Gruppen und jüngeren Grundschulklassen entwickeln: ein Stück über die Begegnung von Figuren, die sich nicht kennen, die einander fremd sind. Über Trennendes und Verbindendes, Misstrauen und wachsendes Vertrauen. Das Ziel ist, dass sich alle Kinder und Eltern, die in Stuttgart leben, dieses Stück gemeinsam anschauen können. Gleichgültig, ob sie gerade hier angekommen oder schon immer da gewesen sind.

Christian Schönfelder (Dramaturg)

Ferienworkshop am JES - Ein Rückblick

Vom 2.11. bis zum 6.11.2015 veranstaltete das JES einen Ferienworkshop, in welchem spielerisch ein Theaterstück erarbeitet wurde. Die besondere Herausforderung für das Leitungsteam lag darin, dass 14 der 23 teilnehmenden Kinder kein oder kaum Deutsch sprachen, da sie aus Syrien stammen und erst vor kurzem als Flüchtlinge nach Stuttgart gekommen sind. Hier leben sie derzeit in der Flüchtlingsunterkunft im „Haus Martinus“.  Da keiner aus dem JES-Team Arabisch spricht, war der Respekt vor der Woche relativ groß. Glücklicherweise absolvierte zeitgleich Samantha Sada, eine junge Frau aus Stuttgart, ein Praktikum im Haus Martinus und stieg in das Projekt mit ein. Ihre Sprachkenntnisse (sie spricht fließend Deutsch und Arabisch) waren eine große Hilfe. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ein großes Dankeschön gilt auch Ellen Olpp und Oscar Gmelin, die das JES-Team die ganze Woche über tatkräftig und ehrenamtlich unterstützt haben.

Gemeinsam mit den Kindern entwickelten wir ein Stück mit dem Titel „Der sonderbare Schatz“. Hierbei kamen unter anderem auch Elemente des Schattentheaters zum Einsatz. Vor allem aber ging es uns darum, den Kindern Begegnungen zu ermöglichen und sie spielerisch mit den Mitteln des Theaters im Bereich der Sprachförderung zu unterstützen. Dabei sind unsere anfänglichen Bedenken schnell verpufft. Im Laufe der Proben gingen die Kinder mehr und mehr aufeinander zu und hatten viel Spaß zusammen. Die von uns befürchteten Sprachhürden wurden schnell überwunden. Das Ergebnis unseres Workshops präsentierten wir am Ende der Woche vor Eltern und andere Interessierten. Besonders gefreut haben wir uns, dass auch das Uniradio Horads (Horads 88,6) über das Projekt berichtete. Die Redakteurin Juliane Braig führte für einen Beitrag zum Thema Flüchtlinge u.a. Interviews mit den Workshopleiterinnen Tanja Frank (Theaterpädagogin) und Franziska Schmitz (Schauspielerin).

Die Rückmeldungen für den Ferienworkshop waren von allen Seiten sehr positiv. Vor allem die Atmosphäre zwischen den Kindern wurde als sehr positiv wahrgenommen. Am Ende der Woche war allen Teilnehmern klar: Kommunikation geht auch ohne Sprache!

Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung hat das JES beschlossen, das Projekt als regelmäßiges Angebot fortzuführen. Geleitet wird es von den beiden FSLlerinnen mit Unterstützung der JES-Theaterpädagogen und Ehrenamtlichen.